Warum das WeTab (und Konsorten) kein Erfolg wird

9. Juni 2010

Apple hat etwas geschafft, das die Microsoft-Partner jahrelang nicht hinbekommen haben: Den Formfaktor des Tablets (oder Slates) massentauglich zu machen. Doch woran liegt das oder anders gefragt: Warum werden die Me-Too-Produkte wie der ExoPC, das WeTab oder das Joojoo nicht den Erfolg haben, den sich ihre Entwickler versprechen?

Die Hardware

Wo liegt der große Unterschied zwischen dem was bisher mit Windows ausgeliefert wurde und dem, was Apple erdacht hat? Die Hardware-Basis ist eine andere. Während man bisher meist versucht hat einen PC in die Form eines Tablets zu bringen ging Apple einen anderen Weg und wählte eine von Haus aus komplett auf Mobilität ausgerichtet Plattform und baute aus dem iPhone ein Tablet. Die Vorteile liegen auf der Hand:

Die Laufleistung

Niemand, wirklich niemand, braucht einen Tablet-Computer, wenn dieser nur drei Stunden ohne Netzteil betrieben werden kann. Ein solches System will herum getragen und überall abgelegt werden und soll nicht ständig mit dem Stromnetz verbunden sein. Hier findet sich auch schon die größte Schwäche der bald erscheinenden Slates: Meist wird die Atom-Plattform genutzt, die für Netbook durchaus passend, für flache Tablets aber ungeeignet ist da sie zu viel Platz braucht. Gleiches gilt für den Stromverbrauch, hier reichen dünne Tablet-Akkus einfach nicht aus um eine lange Laufzeit zu gewährleisten. Die Folge: Das WeTab soll sechs Stunden schaffen, mit dem joojoo sind laut Herstellerangaben immerhin noch bis zu fünf Stunden Dauerbetrieb drin. Allerdings darf bezweifelt werden, dass diese Werte bei normaler Alltagsnutzung zu erreichen sind: So kam Engadget bei ihrem Test des joojoo unter moderater Nutzung auf 2,5 Stunden Laufzeit – das von der Software noch stärker aufgeblähte WeTab wird wohl kaum besser sein.

Auch nicht zu vergessen: Mehr Hardware bedeutet mehr Gewicht, welches die Ergonomie stark beeinträchtigt. Was bei einem Netbook egal ist, da es sowieso auf den Beinen ruht oder auf einem Tisch steht, wird bei dem Halten mit einer Hand zur Qual. Selbst das iPad ist hier stark an der Grenze des Nutzbaren, die Geräte des Wettbewerbs sind durchgehend noch schwerer.

Wesentlich intelligenter ist da die Nutzung der ARM-Architektur. Diese ist für kleine, leichte und mobile Geräte ausgelegt und dabei wesentlich energieeffizienter als die Atom-Plattform. Die Folge: Man kann leichtere und flachere Geräte bauen die trotzdem eine lange Laufzeit haben. Das iPad legt dabei vor: 10 Stunden Dauerbetrieb unter Last sind kein Problem. Problematisch hierbei: Windows läuft darauf nicht, Standard-Desktopdistributionen lassen sich damit nicht ganz unproblematisch nutzen. Warum das eigentlich sogar von Vorteil ist erläutere ich später.

Die Displays

Für einen der größten Fehler bei der Vorstellung des iPad hielt ich das 4:3-Display. Gerade wenn man Filme damit gucken möchte stören entweder die Ränder, alternativ man zoomt das Video groß, so dass die Seiten davon fehlen. Allerdings ist das Gucken von Videos nicht die einzige Aufgabe, die ein Tablet zu bewerkstelligen hat: Sie werden allerorten als E-Book-Reader vermarktet.

Und hier fiel mir bei der Nutzung des iPads etwas auf. Es lässt sich wesentlich angenehmer lesen, wenn man das Gerät hochkant hält, ähnlich wie ein Magazin oder ein Buch. Und hier ist die Krux der 16:9-Displays, es geht mit ihnen wesentlich schlechter, weil das Bild einfach viel zu lang wird. Besonders unhandlich wird es bei dem 12“-Display des joojoos. Es ist somit auch kein Wunder, dass das WeTab oder joojoo bei Vorführungen meist horizontal gehalten wird – mit der Nutzung unter Alltagsbedingungen hat das allerdings wenig zu tun. Sobald etwas zu lesen ist hält man das Tablet wieder hochkant – hier wird man sich mit den 16:9-Geräten an eine unnatürliche Haltung gewöhnen müssen.

Die Software

Der Versuch Windows in ein Nur-Display-Gerät zu zwingen ist bis heute nicht wirklich erfolgreich verlaufen. Vielleicht auch deswegen, weil zur Bedienung immer ein Stift benutzt werden muss. Egal was man machen will, der Stift wird als Ersatz für den Cursor. Die Schrifteingabe ist dabei nicht der Hauptgrund, sondern vielmehr die Tatsache, dass Windows komplett auf die Bedienung mit einer Maus (und Tastatur) ausgelegt ist. Folglich sind die Schaltflächen auch nur gerade so groß, dass man sie mit diesem feinen Instrument treffen kann.

Dieses rächt sich jedoch bei den Tablets – sie sind wie moderne Smartphones dafür gemacht mit dem Finger bedient zu werden, welcher jedoch nicht annähernd präzise genug dafür ist. Will man ein Tablet also richtig bauen muss zwingend eine Oberfläche geschaffen werden, die mit Fingereingaben funktioniert – die Windows GUI scheidet dafür komplett aus, selbst die Touch-Integration von Windows 7 ist hier zwar ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch ein sehr kleiner. Die Folge sind Systemaufsätze wie HP diese bei seinen TouchSmart-PCs einsetzt. Joojoo und Neofonie machen dies ebenso.

Auch hier ist Apple wieder im Vorteil, da man von Anfang an ein Betriebssystem einsetzen kann, welches komplett auf Fingereingabe auslegt ist.

Wie gut die Betriebssysteme, bzw. deren Aufsätze, am Ende mit der Fingerbedienung umgehen werden können muss sich in der Praxis noch zeigen. Aber insbesondere Dinge wie Copy & Paste werden den Entwicklern garantiert einiges an Kopfschmerzen bereiten, da die zweite Maustaste fehlt. Oder Dinge wie ein Benachrichtigungs-System, bei dem sich sogar Apple schwer tut. Dass dies keine kleinen Probleme sind beweist Joojoo: Die Bedienbarkeit hier ist heute schon kein Ruhmesblatt (siehe Engadget-Test).

Offen ist nicht gleich offen

Einer der größten Vorteile, den Neofonie für sich verbuchen möchte: Auf ihrem Tablet läuft praktisch jede Linux-Software. Wäre da nicht der schon vorher erwähnte Haken mit der Bedienung: Alles was an Software für Desktop-Linuxderivate zur Verfügung steht ist auf Mauseingaben auslegt, gleiches gilt für die angepriesene Adobe Air-Plattform. Viel Spaß beim Versuch die Schaltflächen von OpenOffice mit dem Finger zu treffen. Oder gar einen Rechtsklick durchzuführen. Auch der Vorteil, dass Android-Anwendungen damit laufen wird sich wohl als Papiertiger erweisen. Nur weil es sich um ein Android-System handelt, heißt es noch lange nicht, dass Google diesen Android-Ripp-offs auch Zugriff auf den Marketplace gewährt. Solche Systeme werden größtenteils ausgesperrt, Neofonie sollte dies wissen. Und selbst wenn der Zugriff funktioniert, müssen die Apps erst für die neue Auflösung umgeschrieben werden. Mit einem (großen) Angebot ist also so der so nicht zu rechnen.

Der einzige Ausweg sind somit Webanwendungen und native Apps. Da letztere mindestens zum Marktstart Mangelware sein werden verkommt das WeTab nur zu einem zweiten Surfgerät wie das joojoo. Und wie schwer man sich tun kann neue Entwickler zu gewinnen beweist momentan Palm immer noch eindrucksvoll, dessen (deutscher) App Catalog weiterhin nur langsam wächst, und das obwohl eine sehr starke Entwicklergemeinde hinter der Plattform steht.

Eine Frage, die man sich bei Neofonie bisher auch noch nicht gestellt hat: Braucht man in einem Tablet überhaupt all diese Funktionen? Und wenn ja, wie integriert man diese sinnvoll? Ich sehe das nicht.

Was bleibt also?

Insgesamt gesehen begeht Neofonie mit dem WeTab die gleichen Fehler, die man mit dem Windows-Slates schon jahrelang macht: Man zwängt einen PC in einen Formfaktor, für den er nicht ausgelegt ist. Joojoo hat hier die besseren Ansätze von Konzepten, es scheitert jedoch noch stark an der Umsetzung und dem zu engem Einsatzgebiet. Dass das WeTab viel besser zum Start sein wird, damit ist bei diesem kleinen Unternehmen nicht zu rechnen. Von möglichen lizenztechnischen Problemen, wie sie befürchtet werden, einmal ganz abgesehen.

Die ersten wirklich Chancen auf eine weite Verbreitung werden wohl erst die Tablets haben, die durchgehend auf ARM-Plattform setzen und mit einem Betriebssystem geliefert werden, das sich einfach und intuitiv mit dem Finger bedienen lässt. Android (offiziell lizenziert und mit Zugang zum Market Place) ist hier die große Hoffnung, doch erst mal muss es vernünftig auf den Smartphones laufen, für die es gemacht ist – hier wird folglich auch noch Zeit ins Land gehen bevor Ergebnisse zu erwarten sind. HP hat seit der Übernahme von Palm auch noch ein heißes Eisen im Feuer, vor dem nächsten Jahr ist mit einem Marktstart jedoch nicht zu rechnen, zumal auch hier noch viel Arbeit für die Anpassung notwendig sein wird.

Zu großes Augenmerk sollte man jedoch nicht auf das Vorbild aus Cupertino richten. Auch dort gibt es viele Definzite, wie die nicht durchgängige Nutzung der Gesten, ein unglaublich rudimentäres Benachrichtungssystem und Multitasking, das den Namen nicht verdient sowie fehlende Anschlüsse wie ein digitaler Videoausgang oder USB. Es gibt also noch viel Raum für Verbesserungen, die nächsten Jahre werden spannend.

Update 11.06.2010 15:38h

Wenn man sich diesen Bericht vom Linux Magazin über die Präsentation auf dem Linuxtag 2010 anguckt bestätigt das meine Meinung. Das WeTab ist folgerichtig ein Multitouch-Gerät, welches mit mausoptimierter Desktopsoftware (VLC, Thunderbird) ausgeliefert wird und das mit zwei Händen gehalten werden soll. Dabei kann auch noch gleichzeitig eine Maus und Tastatur angeschlossen werden. Ein SDK wird es zudem auch nicht geben, der Offenheit wegen. Wie man damit „computer-ferne Kundenkreise gewinnen“ möchte ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel.

Update 09.07.2010

Und auch ein weiterer Vertreter der Android-Tablets, das 1&1 Smartpad, fällt im ersten Praxistest von Chip.de gnadenlos durch (getestet wurde ein Vorserienmodell, welches über weite Teile jedoch schon der finalen Version entspricht).

2 Responses to “Warum das WeTab (und Konsorten) kein Erfolg wird”


  1. […] hat einen sehr ausführlichen und lesenswerten Artikel mit dem Titel “Warum das WeTab (und Konsorten) kein Erfolg wird” geschrieben. Was er da schreibt klingt alles recht schlüssig. Allerdings stellt sich mir […]

  2. KK Says:

    Wichtiger Artikel, ich werde wohlnun auch gleich wieder weiter baelttern hier. Bis zum Naechsten mal.


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